Arbeitsgemeinschaft Essener Geschichtsinitiativen
im FORUM Geschichtskultur an Ruhr und Emscher eV.

 

Heimat- und Burgverein Essen-Burgaltendorf
Kontaktanschrift: Dieter Bonnekamp, MĂĽhlenweg 33c, 45289 Essen, Tel 0201-571531

Rede des 1. Vorsitzenden Dieter Bonnekamp zum Volkstrauertag 16.11.2003 an der Burgruine:

                                                       Den Toten zum Gedächtnis –

   den Lebenden zur Mahnung

so steht es hier an der Mauer – der Stätte, wo wir uns seit Jahrzehnten an diesem Volkstrauertag treffen.

 Volkstrauertag, ein Tag, geboren aus der Trauer ĂĽber die vielen Toten, Verletzten und Vertriebenen der vergangenen Kriege. Nun ist der letzte Krieg, an dem unser Land beteiligt war, bereits fast 60 Jahre her und es könnte somit die Frage gestellt werden, welchen Sinn ein solcher Tag heute noch hat, und viele junge Menschen werden diese Frage auch stellen.

Meine Antwort ist,

-        weil immer noch Menschen leben, die im letzten Krieg verwundet wurden oder Angehörige verloren haben,

-        weil, ein weiterer Grund, die lange Zeit ohne Krieg in unserer Geschichte ziemlich einmalig ist und die Gefahr birgt, dass die mit jedem Krieg verbundenen Schrecken, Grausamkeiten und Schmerzen leicht in Vergessenheit geraten und

-        das scheint mir das Wichtigste, die junge Generation, die nur den Frieden kennt, die Gefahren eines Krieges unterschätzen lernen.

 Dieses Mahnmal ist eine schlichte Stätte, es sind schlichte Worte, die nichts von dem falschen Pathos von Heldentum, Volk und Vaterland beinhalten, Worte, die frĂĽher solche Gedenkstätten aufwiesen.

 Es ist nicht die erste oder einzige Gedenkstätte an die Opfer von Kriegen aus unserem Dorf. Eine steht noch an der Hattinger Georgskirche und erinnert an drei Männer aus dem damaligen Altendorf, die in den napoleonischen Kriegen gefallen sind.

Und dieses Mahnmal hier ist der Ersatz für eines, das bis vor rund 40 Jahren im Burggraben stand. Es wurde 1934, also in der Zeit der Nazi-Herrschaft erstellt; jedoch gingen die Pläne bis in die 20er Jahre zurück, als man für die Gefallenen der Kriege von 1866 (das war der „Deutsche Krieg“ zwischen Preußen und Österreich), 1870/71 (der Deutsch – französische Krieg) und 1914 bis 1918 (der 1. Weltkrieg) eine Gedenkstätte zu errichten plante.

Lassen Sie mich hier fĂĽr unsere Jugend betonen: Das waren in rund 50 Jahren drei groĂźe, verlustreiche Kriege.

Man baute das Denkmal dann, in Form einer Pyramide, natürlich mit einem Hakenkreuz auf der obersten Stufe, den Namen aller gefallenen Soldaten aus dem Dorf, den Worten „Glaube – Treue – Dienen“ und fünf christlichen Kreuzen auf der untersten Stufe.

Wenig Nazi-Propaganda im Vergleich zu anderen Denkmalen dieser Zeit. Nazi-Parolen fanden sich allerdings in der Urkunde, die man beim Bau eingemauert hatte. Ersparen sie mir, sie zu zitieren.

 Den Toten zum Gedächtnis.  Ich möchte mit Gedanken zum ersten Halbsatz dieses Schriftzuges beginnen.

In welcher Familie haben die Kriege des 19. und 20. Jh. nicht Wunden geschlagen?

 Aus meiner Familie fielen im 2. Weltkrieg drei Vettern und ein Onkel. Unser Vater starb kurz nach dem Krieg an einer simplen EntzĂĽndung, weil als Folge des Krieges keine Medikamente vorhanden waren. Kurz darauf wurde unsere Mutter irre durch die Sorgen, drei Kinder in dieser schlechten Zeit groĂź zu bekommen.

Im heutigen Burgaltendorf waren 236 Gefallene und Vermisste, dazu 14 zivile Opfer zu beklagen, zusammen also 250 Menschen in einem Ort, der vom Kriegsgeschehen weitgehend verschont geblieben war. Und es leben noch z. T. die Menschen, die über diese Toten getrauert haben – und noch trauern.

 Ich selbst, im Dezember 1942 geboren, bin ein so genanntes „Kriegskind“. Zu den ersten Sätzen, die ich sprechen lernte, gehörte „Akute, akute, Mänkelken anziehn, Keller gehen“ – wenn wieder einmal vor einem akuten Luftangriff gewarnt wurde.

 Im 1. WK fielen aus meiner Familie zwei Onkel. Eine Tante durfte ihre Erstkommunion nicht mit ihren Freundinnen im Jahre 1915 feiern. Man wollte, dass der in Krieg gezogene Bruder im nächsten Jahr bei der Kommunion sein sollte. Er kam nie mehr.

In unserem Dorf forderte der 1. Weltkrieg 112 Opfer. Alle diese Opfer sind noch namentlich bekannt, wie schon angedeutet.

 Und was war mit den Soldaten, die aus dem mörderischen 2. Weltkrieg zurĂĽckkamen. Viele waren körperlich verletzt und haben den Rest ihres Lebens daran gelitten. Doch viele schleppten Bilder dieses Krieges mit sich, ĂĽber die sie nie sprechen konnten, weil man von ihnen unvorstellbare Bestialität entweder verlangte hatte oder die sie mit ansehen mussten. Das waren innere Wunden, um die sich niemand gekĂĽmmert hat.

Über die Verursacher dieses Krieges ihre vorgeblichen Gründe und die Vielzahl der Verbrechen in seinem Gefolge, zunächst durch unser Volk, gibt es keine Zweifel. Das kann natürlich jene nicht trösten, die in der Folge unter der Unbarmherzigkeit und Bestialität unserer Kriegsgegner zu leiden hatten.

Wie will man so etwas verstehen?

 Mit der ungerechten Alleinschuld-Zuweisung an die Deutschen als Verlierer des 1. WK und den daraus folgenden wirtschaftlichen Nöten eines so groĂźen Volkes, verbunden mit dem Verlust des Kaisertums, dass doch viele geliebt hatten und belogen von einem Militärapparat, der sein eigenes Versagen bestimmten Gesellschaftsgruppen anlastete, machte das Aufkommen radikaler politischer Gruppen fast zwangsläufig.

Läuft man nicht gern in schweren Zeiten radikalen Heilsversprechern hinterher? Die Schyll-Partei ist eines der jüngsten Beispiele.

Nur – dass die Radikalität, Entschlossenheit und Brutalität der Nazis bei der Verwirklichung ihrer irren Ziele ein solches Ausmaß annehmen würde, wie es das bald tat, dass war für die meisten nicht voraussehbar.

Es gibt solche Erfahrungen auch im privaten Bereich, wenn man sprachlos vor anmaßenden und skrupellosen Mitmenschen zurückweicht – und sich später fragt, wie man das hat hinnehmen können.

 Vor einem Jahr wurde hier ĂĽber den bevorstehenden Irak-Krieg geredet, der längst vorbei ist und doch längst noch nicht vorbei ist.

Dieser Krieg hat gezeigt, wie schon beim 1. und 2. WK, wie sehr ein Volk auf einen Krieg eingestimmt werden kann mit wirren, erfundenen und gefälschten Gründen, wenn die Regierung ihn - aus welchen Gründen auch immer - will. Es entsteht eine Kriegshysterie, der sich der Einzelne kaum entziehen kann, wenn er nicht ganz kühlen Kopf bewahrt und die Fakten kritisch abwägt.

Dabei sind wir heute in der Lage, nicht nur regierungsamtliche Versionen von solchen Vorgängen entgegennehmen zu müssen. Wir können uns umfassend informieren, und wir sollten es tun.

Mit der Freundschaft, sei es unter Staaten, sei es unter Menschen, ist es so eine Sache. Soll man alles, was ein Freund macht, kritiklos gut heiĂźen, auch wenn man weiĂź und sieht, dass das Handeln des Freundes nicht in Ordnung ist? Doch sollte man auch gut darĂĽber nachdenken, wie man dem Freund seine Bedenken mitteilt.

 Damit sind wir schon beim zweiten Halbsatz unseres Mahnmals:

 Den Lebenden zur Mahnung – doch welches mahnende Wort ist hier zu sagen?

Dass wir ĂĽberhaupt keinen Krieg fĂĽhren sollen?

Ich denke, dass unser Land trotz aller Mängel wert ist, verteidigt zu werden.

Wir tun dies, nicht zuletzt wegen unserer Erfahrungen der letzten hundert Jahre, jetzt gemeinsam mit unseren Nachbarn. Und wir dürfen uns glücklich schätzen, dass wir seit dem Ende des 2. WK mit unseren Nachbarn ohne Krieg ausgekommen sind.

Ein solches Glück hat in Europa in den letzten Jahrhunderten kaum eine Generation gehabt. Dies sollten wir nicht für Ziele aufs Spiel setzten, die wir nicht akzeptieren können.

 Es scheint im Moment die klassische Form des Krieges, zweier Staaten oder Staatengruppen gegeneinander nicht mehr so drohend wie eine andere: Die durch den internationalen Terrorismus.

Doch ob wir diesen Terrorismus mit unseren Bomben zerstören können, wage ich zu bezweifeln. Das gilt für den Irak ebenso wie für Israel. Wenn wir den Ländern, in denen der Terrorismus gedeiht, nicht deutlich vermitteln können, dass wir ihre Probleme und ihr Gefühl des benachteiligt Seins ernst nehmen, solange wird jede Bombe neue terroristische Märtyrer erzeugen.

 Die heutige Jugend lernt Krieg kennen durch die Medien als etwas, dass so leicht aussieht: Hier eine hoch technisierte Armee, die aus sicherer Entfernung die Städte eines völlig unterlegenen Gegners in Schutt und Asche legt.

Darin sehe ich eine groĂźe Gefahr fĂĽr die Einstellung zum Krieg, die die Jugend aus solchen Bildern gewinnt.

Dass man damit noch nichts gewonnen hat, zeigen Vietnam, Tschetschenien, der Balkan, Afghanistan, Israel und der Irak.

 Den Lebenden zur Mahnung – wir haben die Chance, selber an der Gestaltung der Politik teil zuhaben. Lassen sie uns diese Chance gut informiert und verantwortungsvoll nutzen.

Die Demokratie hat ihre Schwächen, doch sicher weniger als alle anderen Regierungsformen. Das soll uns nicht abhalten, auf ihre Mängel hinzuweisen. Wenn die Zahl derer, die hier mitwirken, ob in den Parteien oder bei den Wahlen, ständig geringer wird, so sollte das allen zu denken geben. Besonders denen, deren Aufgabe die Mitwirkung an der politischen Willensbildung ist.

 Doch darĂĽber hinaus sind wir alle in der Verantwortung, in der Verantwortung auch dafĂĽr, dass wir keine Toten durch Krieg, Terror und Gewalt mehr zu betrauern haben.