Arbeitsgemeinschaft Essener Geschichtsinitiativen
im FORUM Geschichtskultur an Ruhr und Emscher eV.

 

INFO Nr. 14 März 2003

Über die Arbeit der Sammlung Essener Luftfahrtgeschichte

Nachdem das Buch 'Glück ab!' erschienen ist, war die Resonanz darauf sehr erfreulich. Der nachfolgende Abdruck einer Rezension von Volker van der Locht aus den Essener Beiträgen, 114. Band, steht dafür exemplarisch.

Guido Rißmann-Ottow: Glück ab! Frühe Luftfahrt im Revier, Essen: Klartext 2002, 339 S., Abb.

Die vorliegende Publikation hat die Geschichte der Essener Luftfahrt im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts zum Inhalt. Diese Feststellung ist deshalb wichtig, weil der unkundige Leser zu Beginn der Lektüre nicht ahnen kann, wie sich in einem so speziellen Bereich nicht nur die komplexen Wertvorstellungen und

Handlungsmaximen des Essener Bürgertums widerspiegeln, sondern auch der bis heute nachwirkende Einfluß dieses Selbstverständnisses auf die Entwicklung der Stadt Essen.

Der Verfasser Guido Rißmann-Ottow orientiert seine Untersuchung an verschiedenen Fragenkomplexen. So interessiert ihn, welche Rolle spielte der Überflug eines Luftschiffs über das Stadtgebiet und die Anlage eines Flugplatzes am Stadtrand für das Selbstverständnis bürgerlicher Kultur. Dabei untersucht er die Bedeutung der Luftfahrtvereine für die Verwirklichung des Ziels, Essen zu einem Standort der Luftfahrt im Ruhrgebiet zu machen, und verdeutlicht die unterschiedlichen Kooperations- und Konfliktebenen, die sich im Verlauf der Geschichte zwischen den privat organisierten Luftfahrtvereinen, städtischer Verwaltung und der Geschäftswelt ergaben, und er lotet die Essener Luftfahrtbestrebungen in Konkurrenz zu den Initiativen in anderen Ruhrgebietsstädten aus.

Darüber hinaus untersucht der Verfasser die subjektiven Motive der Interessierten. Er unterscheidet fünf Kategorien: die romantische Motivation, die sich mit dem Traum vom Fliegen und der Sehnsucht nach Freiheit verbindet, die wissenschaftliche Motivation, insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung der Temperatur- und Luftdruckmessung im Rahmen der Erforschung des Wetters, die sportlichen Motive des Wettstreits, möglichst weite Strecken zurückzulegen oder große Hohen zu erreichen, die ökonomische Motivation im Hinblick auf Realisierung einer rentablen Luftfahrtindustrie und eines wirtschaftlich effektiven Einsatzes von Fluggeräten zum Personen- und Gütertransport und schließlich die vaterländische und damit eng verknüpft die militärische Motivation.

Insgesamt ist der Band chronologisch geordnet. Im ersten Kapitel nach der Einleitung widmet sich der Autor der Entwicklung der “Bürgerstadt" Essen. Das heißt, er konzentriert sich auf die bürgerlichen Schichten, die schon allein aufgrund ihrer materiellen Möglichkeiten in der Lage waren, sich ein so exklusives Hobby wie die Luftfahrt zu leisten. Detailreich und fundiert faßt Rißmann-Ottow den Forschungsstand zur Bevölkerungsentwicklung und Sozialstruktur der Stadt Essen zusammen, beschreibt die Bedeutung der Stadtverwaltung, das bürgerliche Vereinswesen und die bürgerlichen Lebenswelten einer Stadt an der Schwelle zur Industriemetropole. Der Abschnitt bietet auch für jene einen ersten

Überblick, die sich mit dem Essener Bürgertum zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigen möchten.

Die folgenden vier Kapitel widmen sich der Geschichte der Luftfahrt im engeren Sinne. Aufgrund der Inhaltsfülle können hier nur einzelne Aspekte herausgegriffen werden. Differenziert werden mit den verschiedenen Luftfahrtvereinen die organisatorischen Strukturen der Luftfahrtinteressierten, der Aufbau einer Infrastruktur mit Flugplätzen und Flugschulen und dem Entstehen einer Flugindustrie beschrieben. Des weiteren stellt der Verfasser dem Leser einzelne Persönlichkeiten unter den Luftfahrtpionieren vor. So wird auch die Komplexität unterschiedlicher Motivlagen in Biographien deutlich.

Rißmann-Ottow belegt fundiert, wie sich im zeitlichen Verlauf die Motivationen bei den Beteiligten veränderten. Am Anfang der Entwicklung standen romantische und sportliche, weniger die wissenschaftlichen, militärischen und ökonomischen Motive im Vordergrund. Sicherlich lag dies auch an der Technik. Lud zu Beginn die Fahrt mit einem Gasballon doch eher ein, sich romantischen Schwärmereien hinzugeben als die technisch ausgereifteren Ein- oder Doppeldecker der späteren Zeit.

Maßgeblich für die Etablierung der Luftfahrt im städtischen Raum waren daher zunächst die Mitglieder der Luftfahrtvereine, die als Ideengeber wesentliche Impulse beigetragen haben. Entscheidender für die Folgezeit war aber die Kommune. Schon zu Beginn stellte sie die Start- und Landeplätze für die Fluggeräte oder das Gas für Ballons und Luftschiffe zur Verfügung. Durch die Anlage eines Netzes von Flugplätzen und die Einrichtung verschiedener Flugrouten in den Zwanziger Jahren wurde die Infrastruktur geschaffen, die das ökonomische Prinzip endgültig in den Vordergrund schob.

Im Schlußkapitel gewährt der Verfasser einen kurzen Blick in die Gegenwart. Am Beispiel des Flugplatzes Essen-Mülheim wird eine andere Dimension deutlich. Gegen die Bewertung des Platzes als regionaler Wirtschaftsfaktor treten nun auch ökologisch Interessierte auf. Sie kritisieren die Umweltzerstörung durch eine Expansion des Flugbetriebs aufgrund ökonomischer Motive. Der angedeutete Bezug zur Gegenwart macht im Rückblick auf die Anfänge der Essener Luftfahrt den Fortschrittsoptimismus der Flugpioniere und die heute zutage tretenden “Grenzen des Wachstums" deutlich.

Neben den zahlreichen Abbildungen von Flugzeugen, Luftschiffen oder Plakaten, die zu Wettkämpfen einluden, vervollständigt ein umfangreicher Anhang mit Karten der verschiedenen Ruhrgebietsflugplätze und Flugrouten die Veröffentlichung.

Insgesamt ist Guido Rißmann-Ottows Publikation eine gelungene Darstellung, die sich nicht nur an ein technisch interessiertes Publikum richtet, sondern allgemein einen Beitrag zur Essener Stadtgeschichte leistet.

 Volker van der Locht

Jahrestage 2003

1903, 8. Januar

Erstmals steigt ein Ballon des Niederrheinischen Vereins für Luftschiffahrt (NVfL) auf. Er wird später nach seinem Startort "Barmen" benannt. Im Herbst 1903 nimmt mit dem Arzt Dr. Gummert der erste Essener an einer Ballonfahrt des NVfL teil.

 1903, 17. Dezember

Vor 100 Jahren gelang den Gebrüdern Wright der erste gelungene Motorflug. Von den Dünen Kitty Hawks, wo dieser denkwürdige erste Flug stattfand, zu den Halden und Schloten des Reviers, mit seinen Luftfahrern, war es nur ein kleiner Schritt. Doch der musste erst einmal getan werden. Die Wrights waren gar nicht so sehr auf Publicity aus und betrieben in den Jahren 1904 und 1905 erst einmal die Entwicklung ihres Flyers in aller Ruhe systematisch weiter. In Europa nahm man vom ersten motorisierten Flug eines Menschen kurz Notiz, zeigte gar Zweifel, und ging zum Alltag über. Das hieß für die Luftfahrer viele weitere Ballonstarts und für die Tüftler zahllose weitere Versuche mit Flugapparaten, die "schwerer als Luft" waren.

Dann jedoch, in Deutschland durch Zeppelin im Jahre 1908 und in Frankreich durch Flugtage und Kanalüberquerung Bleriots im Jahre 1909, wurde Fliegen auch in Europa ein Thema. Zehn Jahre nach dem Erstflug der Wrights waren Flugzeuge, Flugplätze und Flugtage Selbstverständlichkeiten - in den USA, in Europa und im Revier.

 1913, 3. Januar

Zum ersten kreist ein Flugzeug über der Stadt Essen. Es ist Josef Suwelack mit einem Kondor-Eindecker, der auf dem neuen Flugplatz Gelsenkirchen-Essen-Rotthausen gebaut wurde. Dem Flieger wird es mit dem silbernen Ehren- und Erinnerungsbecher der Stadt Essen gedankt.

 1913, 1. Februar

Der Luftverkehr wird geregelt. Mit einer Verordnung, an der der Deutsche Luftfahrerverband maßgeblich mitwirkte, bestehen nun genaue Bestimmungen zur Regelung des Luftverkehrs.

 1913, 27. Juli - 3. August

Große Jubiläums-Flugwoche auf dem Flugplatz Gelsenkirchen-Essen-Rotthausen. Gezeigt wurden Flugzeugrennen und Rekordversuche. U. a. erflog Otto Linnekogel mit ca 4200 m einen Höhenrekord. Die Namensgebung richtete sich nicht nach dem Krupp-Jubiläum, das die Firma in diesem Jahr feierte, sondern es erinnerte an den Sieg alliierter europäischer Armeen über Napoleons Truppen im Jahre 1813.

 1923, Dezember

Die Gemeinde Rotthausen scheidet aus dem Landkreis Essen aus und wird von Gelsenkirchen eingemeindet. Die Anteile der Gemeinde an der Betriebsgesellschaft des Flugplatzes Gelsenkirchen-Essen-Rotthausen verbleiben aber beim Landkreis, wodurch die Essener Seite Mehrheitsgesellschafter wird. Dies unterstützt die Bestrebungen der Stadt Essen nach einem eigenen Flugplatz innerhalb der Stadtgrenzen, der wenig später zwischen Essen und Mülheim entsteht.

1928, Oktober

Der bisher recht provisorisch eingerichtete Flugplatz Essen-Mülheim soll richtige Flughafengebäude bekommen. Die Planungsarbeiten beginnen 1928. Die Pläne des Oberbaurates Brocke für die neuen Betriebsgebäude zeigen einen modernen Baustil und machen einen imposanten Eindruck. Dieser Grundeindruck ist noch heute erhalten.

 1933, 11.-26. März

Der Luftfahrtverein Ruhrgau richtet die Deutsche Luftsport-Ausstellung (DELA) in Essen aus.

 1933, Juli

Der erste Bauabschnitt für die neuen Betriebsgebäude auf dem Flugplatz Essen-Mülheim ist vollendet.

 1943, November

Der Flugplatz Essen-Mülheim ist mit Hilfe von Zwangsarbeitern mit festen Rollbahnen versehen worden. Die 1583 m lange Hauptlandebahn ist noch heute erhalten. Die neuen Rollbahnen und die erst 10 Jahre alten Betriebsgebäude werden bei einem Bombenangriff Weihnachten 1944 zerstört.

 1953, 26. März

Der Flugplatz Essen-Mülheim soll wieder so aufgebaut werden, wie es in den Kriegsjahren 1942/43 vorgesehen und durchgeführt wurde.

 1963, 30. Juni

Großer Flugtag in Essen-Mülheim.

 1983, 17. Februar - 11. März

Die Ausstellung "Propeller-Piloten-Pisten" im Essener Rathaus berichtet von der Geschichte der Luftfahrt in Essen.