|
STADTERKUNDUNGSFAHRT NACH AMSTERDAM UND BESUCH DES ANNE-FRANK-HAUSES Seit 1984 veranstaltet die Politische Bildung des Jugendamtes der Stadt Essen historisch-politische Stadterkundungen für Essener Jugendliche. Bei solchen Stadterkundungen in Essen wird die lokale NS-Geschichte an den Orten erarbeitet, die diese Zeit dokumentieren. Dazu zählen zum Beispiel ehemalige Zwangsarbeiterlager, KZ- Außenlager, Sammellager für Juden oder Straßen, deren Namen an Verfolgung und Widerstand erinnern. Diese Stadterkundungen eignen sich auch besonders zur Vorbereitung auf Gedenkstättenfahrten.
Aufgrund der guten Erfahrungen mit dem Konzept der Stadtspiele in Essen wurde im Jahre 2003 die ersten beiden Stadterkundungsfahrten nach Amsterdam durchgeführt. Geplant wurde diese Tour von der politischen Jugendbildung unter der Leitung von Horst Zimmer und vier Studentinnen der Universität Duisburg-Essen. Teilgenommen haben zwei achte Klassen sowie eine neunte und eine zehnte mehrerer Essener Gymnasien mit ihren Lehrern. Die pädagogische Betreuung der Fahrt erfolgte durch die vier Studentinnen. Zur Vorbereitung hatten die SchülerInnen bereits das Tagebuch der Anne Frank im Unterricht gelesen und einen Film zu Anne Frank angesehen. Des weiteren waren die Klassen für diese Fahrt vorher bereits in jeweils vier Kleingruppen eingeteilt worden.
Aus eigener Erfahrung wußten alle an der Planung Beteiligten noch sehr gut, dass der Geschichtsunterricht insbesondere dann viel Erfolg hatte, wenn er lebendig, interessant und erfahrbar dargeboten wurde oder Möglichkeiten zum „Selbertun“ bot. Mit dem Konzept der Stadtspiele bot sich uns die Möglichkeit, die historisch- politischen Zusammenhänge der NS-Zeit erlebbar zu gestalten und sie auch zu gegenwärtigen gesellschaftlichen Themen in Bedeutungszusammenhang zu setzen.
Die Stadt Amsterdam bietet sich nicht nur wegen vieler themenbezogener Denkmäler als Ort der Stadterkundung an. Das multi-kulturelle Flair der Stadt lädt auch zu Reflexionen über den historischen wie gegenwärtigen Umgang mit Minderheiten ein. Amsterdam ist aber auch die Stadt, in der Anne Frank lebte, als sie ihr Tagebuch schrieb. Im Anne-Frank-Haus kann man die von ihr beschriebenen Gegebenheiten nachempfinden. Gleichzeitig kann Anne Frank aufgrund ihres Alters für SchülerInnen sehr wohl als Identifikationsfigur dienen.
Auf der langen Busfahrt „beschnupperten“ sich SchülerInnen und Studentinnen erst einmal ausgiebig gegenseitig. Nachdem etwas Ruhe eingekehrt war, wurden den Schülern über Bordfunk die notwendigen Informationen gegeben. In Amsterdam angekommen trennten sich am zentralen Treffpunkt dann die Klassen, jeweils in Begleitung von ihren Lehrern und zwei Studentinnen. Eine Klasse begann mit der Zeit zur freien Verfügung. Die andere Klasse begab sich zum Auschwitzdenkmal. Nach einigen einführenden gemeinsamen Vorüberlegungen zum Thema, bekamen und öffneten die Kleingruppen dann ihre Arbeitsaufgaben und machten sich ans Werk, unter bestimmten Fragestellungen selbständig in Amsterdam zu recherchieren. Zur angegebenen Zeit traf sich diese Klasse dann wieder und begab sich ins Anne-Frank-Haus. Hier erfolgte eine Einführung durch den pädagogischen Dienst des Anne-Frank-Hauses. Dieser nahm in seiner Arbeit geschickt die vorherige Stadterkundung der SchülerInnen auf und setzte die erkundeten Denkmäler und bearbeiteten Fragestellungen in den Zusammenhang mit Anne Frank. Nach der anschließenden Besichtigung des Hauses hatte diese Klasse dann ihre Zeit zur freien Verfügung.
Die zweite Klasse führte währenddessen ihre Stadterkundung durch und hatte dann den Abschluß mit der Besichtigung des Anne-Frank-Hauses. Nach einem langen, aber erfolgreichen Tag machte man sich dann wieder auf den Heimweg.
Die vier Arbeitsthemen der Stadterkundung waren: das Dockworker-Denkmal, die Hollandsche Shouwburg, ein Denkmal an der City Hall und eine „Collage“ zum Thema Multikulturalität und Umgang mit Minderheiten. Neben der reinen „Aufgabenerfüllung“ machten die SchülerInnen auch Erfahrungen im eigenen Umgang mit dem Gefühl des Fremdseins. In einer fremden Stadt, in einem fremden Land und manchmal auch mit fremden Sprachen arbeiten zu müssen stellt schon eine echte Herausforderung dar. Diese wurde allerdings von allen TeilnehmerInnen mit Bravour gemeistert. Durch die Gestaltung solch ungewöhnlichen Unterrichts bekommen Schüler wie Lehrer einmal eine andere Möglichkeit des Lernens geboten. Die Auswertung und Vertiefung der Gruppenarbeitsergebnisse erfolgt in der Schule durch die Lehrer, auf Wunsch wird aber auch ein Nachgespräch mit den Fahrtbetreuerinnen angeboten. Die vorgegebenen Aufgabenstellungen bieten viele mögliche Ansatzpunkte zur Bearbeitung des Themas NS- Zeit. Gleichzeitig wird aber auch der thematische Bogen zu Fragen der politischen und gesellschaftlichen Gegenwart geschlagen. Besonders hervorzuheben ist die gelungene Kooperation mit dem museumspädagogischen Dienst des Anne-Frank-Hauses. Die Konzeption der Fahrt ist für Klassen der Stufe 8 und 9 besonders geeignet. Bedingt durch schlechte Witterungsverhältnisse werden in den Monaten November bis Februar keine Fahrten angeboten Wir denken mit diesem Konzept einen guten Weg zu erlebbarem Unterricht (egal ob Politik, Geschichte oder Deutsch) aufgezeigt zu haben. Wir hoffen, dass noch viele Jugendliche an diesem Projekt der außerschulischen Jugendbildung teilnehmen.. Uns selber hat es jedenfalls sehr viel Freude bereitet, einmal ganz anders an das Thema heranzugehen. Und auch wir haben für uns selber noch viel Neues gelernt und entdeckt.
Güldane Köz / Stefanie Malter
|
|