Arbeitsgemeinschaft Essener Geschichtsinitiativen
im FORUM Geschichtskultur an Ruhr und Emscher eV.

 

Erlebtes Kriegsende in Eiberg -
Eroberung und Vertreibung durch die Amerikaner

Mit meinen drei kleinen Kindern im Alter von 5, 4, 1 Jahren erlebte ich das schreckliche Kriegsende auf dem elterlichen Bauernhof in Eiberg (zwischen Steele-Horst und Höntrop gelegen). Dort waren außer meinen alten Eltern und meiner Schwester noch zwei stets hilfsbereite französische Kriegsgefangene und das Pflichtjahrmädchen Erika aus dem benachbarten Uhlendahlweg. Außerdem waren vier deutsche Soldaten dort einquartiert, die im Garten und am Teich Schützengräben ausgehoben hatten. Eines Tages, es war am Karfreitag 1945, kamen zwei von ihnen von ihren geheimnisvollen Fahrten ins Bergische mit Fleisch zurück, das sie gleich in der Küche brieten und im Wohnzimmer verzehrten. Wir alle fassten das als Hohn und als sehr böses Omen auf. Erika war so mutig und stellte die Soldaten zur Rede. Noch am frühen Nachmittag fing im Zusammenhang mit den Ruhrkämpfen der Beschuss des Eiberger Hofes Hinderfeld an. Meine Mutter hing oben aus einem Fenster noch ein weißes Bettlaken heraus, das die Soldaten wütend wieder entfernten. Zitternd und betend verbrachten wir im Keller. Der Lärm der Geschosse wurde so stark, dass wir glaubten, das Haus würde über uns zusammenstürzen. Nach über drei Stunden kam einer der deutschen Soldaten und schrie: „Jetzt kommen sie. Ein Kamerad liegt oben vor der Treppe erschossen!“ Sogleich riss ich ihm die Soldatenmütze vom Kopf als Zeichen der Ergebung. Dann stießen auch schon schwarze Soldaten Kaugummi kauend  die Kellertür auf und schossen geradeaus, wo sie den geflüchteten Soldaten vermuteten. Sofort nahm ich meinen Jüngsten auf den Arm und rief ihnen entgegen: „Here are children in the cave. Please do not shut!“ Wir wurden aus dem Keller geführt. Ich wunderte mich, dass das Haus noch aufrecht stand. Vor der Kellertreppe lag ein junger deutscher Soldat. Blut trat aus einem Ohr und einem Nasenloch hervor. Auf dem Hofplatz angelangt wurde noch weiter geschossen. Kugeln pfiffen an unseren Köpfen vorbei, so dass wir wieder in den Keller eingeschlossen wurden. Meine Schwester hatte sich zusammen mit meinem 5-Jährigen schnell in den benachbarten, von Bergleuten gegrabenen Bunker retten können. Über uns hörten wir durch den Lärm und das Schlagen von Schranktüren, wie die Siegersoldaten das Haus ausräumten. Nach einer uns endlos vorkommenden Zeit wurden wir mit vorgehaltenen Gewehren aus dem Keller geholt, mussten das Haus, so wie wir waren, verlassen und wurden an der vor dem Hof gelegenen Flakstellung vorbei quer über das Feld Richtung Westen getrieben. Als wir an der Höntroper Straße vorbeikamen, saßen in den Fensterhöhlen der Häuser jolende Siegersoldaten. Mutter und Vater blieben unterwegs am Straßenrand stehen und konnten nicht mehr. Wir mussten aber weiter bis zur Imandtstraße. Erika lief von dort so schnell sie konnte nach Hause. Ich wusste nicht wohin und zog ihr durch das Wäldchen Richtung Uhlendahlweg nach. In der Nähe des Heising-Hauses konnte ich nicht mehr und setzte mich mit den Kindern ins Gras, stumm vor Entsetzen und Schrecken und in der Ungewissheit, ob wir je wieder ins elterliche Haus zurückkehren düften. Da stand unerwartet Bernhard Heising vor mir und sagte nur: „Maria komm!“ Das Heising-Haus war von den Amerikanern zwar durchsucht, stand aber außerhalb des Kampfgeschehens. Die Heisings nahmen uns, später auch unsere anderen Familienmitglieder  herzlich auf, obwohl sie selbst 10 Kinder hatten! Sie stellten uns ihre Betten zur Verfügung und schliefen selbst auf dem Fußboden, bis nach gut drei Wochen die Amerikaner weiterzogen und wir wieder zurück durften.

Maria Heinrichs, geb. Hinderfeld (Jahrgang 1909)
Rühlestr.20, 45147 Essen